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selbstgemachte Pralinen |
Die Zeitung „
Das Parlament“ vom 21.01. berichtet über die jüngsten
Versuche des Bundestages, Jugendliche schneller in Ausbildung und Beruf zu
bringen. Die Debatte ist jahrzehntealt, auch die Lösung „Raus aus dem
Übergangssystem“.
300.000 Jugendliche „verharren“ nach der Schule „im
sogenannten Übergangssystem, dem Zeitraum zwischen Schulabschluss und
Ausbildungsbeginn, und finden nur schwer den Anschluss an Qualifizierung und Ausbildung“. Spätestens seit Klaus Hurrelmanns Arbeit „Warteschleifen. Keine Berufs- und
Zukunftsperspektiven für Jugendliche?“ von 1989 ist die Sache begrifflich verortet und es wird ritualisiert in die
gleiche Kerbe geschlagen.
Die Realität ist in nicht unerheblichem Ausmaße eine andere.
Sehr viele Jugendliche erwerben allererst in den so genannten „Warteschleifen“
Orientierung und Perspektive. – Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe fünf Jahre
lang Jugendliche ohne Ausbildungsverhältnis und sonstiger Perspektive als
Leiter von Kursen der Arbeitsagentur für Jugendliche mit und ohne
Hauptschulabschluss, mit Mittlerer Reife, auch „Rehafälle“ mit Abitur, eine
solche gegeben.
Wer ist schuld? Die Schule? Nachdem ich nun acht Jahre im
Schulsystem arbeite, die vergangenen drei Jahre als Koordinator einer
Verbundschule, die Realschule, Gymnasium und Berufskolleg umfasst, kenne ich
auch diese Seite und verfalle nicht in die gleichermaßen ritualisierte,
nichtsdestoweniger falsche Antwort: die Schule.(Die Schule hat wirklich mehr und mehr das Monopol "Schule der Nation" zu sein, für alles zuständig und verantwortlich.)
Orientierung und Perspektive setzt zunächst und vor allem Beratungsarbeit voraus,
Beratungsarbeit, welche flankiert und eingebettet ist, in ein gut gepflegtes
Dokumentationssystem einerseits, in ein modularisiertes, integriertes System
der berufsorientierenden Angebote andererseits.
Die Situation an Haupt- und Förderschulen lasse ich einmal
außen vor und spreche für Realschule und Gymnasium, obwohl wir einerseits mit unserem Angebot der Klassen Gemeinsamen Unterrichts schon in der neunten Klasse angekommen sind und insofern bereits begonnen haben, die entsprechenden Angebote z.B. der Arbeitsagentur (so genannte Reha-Beratung) anzubieten, andererseits mit Einführung der Sekundarschule bald auch die Formate der hauptschulischen Berufsorientierung in unser Konzept aufnehmen werden müssen.
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Würfel, hergestellt von einem Schüler, 7. Klasse |
Hier empfiehlt sich die Ausweitung der Netzwerkarbeit z.B. auf die Förderschulen und Hauptschulen, um von der vorhandenen Expertise dieser Kolleginnen und Kollegen zu lernen.
Das
versäulte Denken ist überholt und sollte schnellst möglich ad acta gelegt werden.
Schule krankt immer noch an zu wenig individueller Beratung. Dies
vor allem auch im Bereich beruflicher Orientierung. Niederschwellige
Gesprächsangebote unter Einbindung der
Eltern, vor allem im unmittelbaren Anschluss an (hoffentlich) formative Erfahrungen in
der Arbeits- und Berufswelt ermöglichen in Verknüpfung mit
persönlichkeitsbezogenen Diagnostiken wie der Potenzialanalyse ein Vorankommen
in beruflichen Fragen.
Viele Jugendliche kommen allein zurecht. Gewiss. Sie kämen
wahrscheinlich auch ohne Potenzialanalyse und Berufsfelderkundung zurecht. Vielleicht auch mit viel weniger Schule. Aber
auch viele, zu viele Jugendliche brechen Ausbildung und Studium ab oder werden
von den Angeboten der Schule nicht berührt. Zudem ist Berufsorientierung Allgemeinbildung.
Jeder Mensch sollte einmal in einer Metallwerkstatt ein Produkt erstellt haben
oder in einer Pflegeeinrichtung alte Menschen begleitet haben. Die Schule ist
der Ort dafür.
Was ist erforderlich:
- Zeit
für Beratung
- Qualifikation
für Beratung (einschließlich der Kompetenzklärung zwischen Berufsberatung seitens der Arbeitsagentur und der Schule)
- Aufbau
und ebenso wichtig: Pflege nachhaltiger und verzahnter Angebote (man mag
diese abgegriffenen, nichtsdestoweniger bedeutsamen Vokabeln schon gar
nicht mehr gebrauchen)
- Aufbau
und Pflege eines vielseitigen, pulsierenden Netzwerkes von Außenkontakten
- Formative Einblicke
in die Berufswelt und Praktika, die ihren Namen verdienen, weil sie
Erfahrungen ermöglichen, welche die Persönlichkeit tangieren
- Das bedeutet vor allem: Stärkung des gebundenen Ganztages mit institutionalisiertem und modularisiertem Beratungs-Angeboten der Berufsorientierung
- Ausreichend Zeit für Praktika, durchgeführt von Meistern ihres Fachs, didaktisch durchdacht und nicht unverbindliche und folgenlose ad hoc Veranstaltungen
- Klärung der Auswirkung des erweiterten Zeitbedarfs für Berufsorientierung angesichts von G8. (Hier zeigt sich inwiefern das Neue Übergangssystem wirklich ernst genommen wird.)
- Gleichzeitig: Fehlerfreundlichkeit
Was leistet das Neue Übergangssystem?
Eine willkommene, längst überfällige Standardisierung der
Berufsorientierung in unserem Bundesland.
Endlich die Ausdehnung der Berufsorientierung auf das ganze
Schulsystem, also auch die Gymnasien.
Aber:
Ein Gehen in die Fläche auf Kosten existierender und mit Engagement aufgebauter, qualitativ hochwertiger Berufsorientierung – wie an
meiner Schule, welche tendenziell verbrannte Erde zu hinterlassen droht.
Stärkung der verheerenden „Abhakmentalität“, welche Angebote
durchführt, „abarbeitet“ und es damit gut sein lässt. Beispiel: Wie soll
innerhalb des Schulbetriebes mit den Ergebnissen von 120 Schülerinnen und
Schülern umgegangen werden? Abheften im Portfolio? Besprechen? Wer? Mit welcher
Qualifikation? Inwiefern sollen die Ergebnisse Einfluss haben können auf sich
anschließende Praktika? Wie sollen diese vorbereitet und ausgewertet werden?
Ist das alles trivial? Weiterbildungsbedarf? Wird abgefragt, aber mit der
Antwort, wir haben sowieso kein Geld dafür, versehen.
Die Berufsorientierung muss auf die Eigenart gymnasialer Verhältnisse abgestimmt werden . Wie muss hier in der Sekundarstufe I orientiert werden? (Mein Kind soll kein Handwerker werden, also ist ein Praktikum in der Metallwerkstatt nicht notwendig. Mein Kind verliert Lernzeit, wenn es jetzt Berufsorientierung betreiben soll. usw.?)
Unzureichender Diskurs: Wenig Diskussion, keine Auswirkung der vorliegenden
Expertise in Sachen Berufsorientierung auf die Planungen des Übergangssystem, vielmehr Verordnung der Durchführung
bestimmter Maßnahmen, welche teilweise deutlich hinter den Stand erreichter Qualität
zurückfallen (vgl. Berufsfelderkundung und
Talentwerkstatt).
(Wenigstens in der Referenzphase hätte doch eine Diskussion
von Elementen einer guten Berufsorientierung, einer guten Strukturbildung und
-pflege und einer guten Implementierung
stattfinden müssen?)
Das alles kostet Zeit, verlangt gut ausgebildetes Personal
und folglich viel Geld: Weniger Übergangssystem bedeutet daher mehr
Übergangssystem.
Der alte Vorbehalt aus dem Dienstblattrunderlass 42/96 des
Arbeitsamtes wäre wenigstens erfüllt: Die Finanzierung berufsvorbereitender
Maßnahmen einzustellen, da Schule in der Lage ist, dies selbst zu tun.
Nur dass zudem nicht mehr allein die Benachteiligten im
Fokus stehen, sondern alle jungen Menschen. Eine Inklusion der anderen Art
mithin.